Eine Ausstellung über Edgar Hilsenrath aus dem Archiv der Akademie der Künste, Berlin
Die von der Akademie der Künste,
Berlin, konzipierte und dort vom 15. November 2005 bis 15. Januar 2006 gezeigte
Ausstellung
war vom 15. Mai bis zum 14. Juli 2006 an der Hochschule Fulda im HS Fulda Transfer
zu sehen. Zur Eröffnung am 17. Mai 2006 sprachen Prof. Dr. Roland Schopf, Präsident der
Hochschule Fulda, Dr. Wolfgang Hamberger, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt
Fulda, Linde Weiland, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Fulda.
"Ich habe mich in sie verliebt, als ich neun war, damals in Polen. Ich wurde von
ihr getrennt, aber ich bin ihr treu geblieben, ein Leben lang." In dem Roman
"Berlin ... Endstation", der in diesem Frühjahr im Berliner Dittrich-Verlag
erscheint, läßt der 1926 geborene Schriftsteller Edgar Hilsenrath sein Alter ego
Joseph Leschinsky von einer Geliebten schwärmen, der deutschen Sprache, zu der
er nach den Irrfahrten des Lebens zurückkehren würde.

Hilsenrath, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, hat selbst eine Odyssee
hinter sich. Emigriert nach Rumänien, deportiert in ein Ghetto in der
Ukraine, überlebte er den Holocaust, wanderte nach Palästina aus, ging
1951 in die USA, bis er Ende 1975 nach Berlin kam. Die deutsche Sprache hatte er
wie einen Schatz gehütet. Seine ersten Bücher, der Roman "Nacht" und
die bitterböse Satire "Der Nazi & der Friseur", wurden gleichwohl
zunächst auf englisch erfolgreich. Zu viele Tabus verzögerten die
Aufnahme in Deutschland. Inzwischen ist Edgar Hilsenrath ein anerkannter und
vielfach preisgekrönter Autor, so erhielt er etwa den Lion Feuchtwanger
Preis 2004. Für seinen Armenienroman "Das Märchen vom letzten
Gedanken" wurde Hilsenrath der Preis des Präsidenten der Republik Armenien
zuerkannt, der ihm mit einer Ehrenprofessur der Universität Eriwan in
diesen Tagen verliehen wird. Sein literarisches Archiv befindet sich in der
Berliner Akademie der Künste.

Aus dem ca. 50.000 Blatt umfassenden Edgar-Hilsenrath-Archiv haben Helmut Braun
und Mitarbeiter des Literaturarchivs der Akademie, Manuskripte, Briefe, Fotos
und Rezensionen ausgewählt. Darunter sind viele bisher unbekannte und
unveröffentlichte Materialien, zum Beispiel frühe autobiographische
Aufzeichnungen aus dem Ghetto, in Palästina 1945 geschriebene Texte, die
schon thematische Bezüge zu seinem ersten, umstrittenen, Roman "Nacht"
(1964) aufweisen, eine Fassung des wohl berühmtesten Hilsenrath-Buches "Der
Nazi & der Friseur" in Briefform. Gezeigt werden zahlreiche Fotos - von
Familienbildern aus der Bukowina über Aufnahmen aus Palästina und
Frankreich, Schnappschüssen von der Überfahrt nach Amerika auf
demselben Schiff wie Rita Hayworth bis zu Fotoserien des in Deutschland
etablierten Autors. Briefe von Max Brod und Jakov Lind geben Einblicke in die
Phase der Selbstfindung des jungen Hilsenrath. Dokumente zur Verlagspolitik und
Pressestimmen beleuchten die kontroverse Rezeption des Autors in Deutschland.
Die Wanderausstellung, die im neuen Akademiegebäude der Akademie der
Künste am Pariser Platz in Berlin im November 2005 begonnen hat und vom 15.
Mai bis zum 30 Juni 2006 in Fulda zu sehen ist, würdigt einen großen
Schriftsteller, der den Katastrophen des letzten Jahrhunderts literarische
Gestalt gegeben hat.
Ausstellung: "Verliebt in die deutsche Sprache. Die Odyssee des Edgar Hilsenrath"

© 2006 ADK, Berlin
»Du hast geschrieben. Das stimmt. Aber du hast in deiner Sprache
geschrieben. Nicht in ihrer Sprache.«
»Deine Sprache ist Deutsch.«
»Deutsch.«
»Deutsch.«
»Die verdammte Sprache.«
»Die verdammte Sprache.«
»Die du liebst.«
»Die ich liebe.«
»Weil sie deine Sprache ist.«
»Weil sie meine Sprache ist.«
»Die du immer geliebt hast. Auch damals.«
»Auch damals.«
»Damals, als die Synagogen brannten.«
»Damals, als die Synagogen brannten.«
»Die du geliebt hast. Auch im Land der Massenerschießungen.«
»Im Land der Massenerschießungen.«
»Als dein Blick in die Ferne schweifte, dorthin, wo die Öfen von Auschwitz rauchten.«
»Auch damals.«
»Auch damals.«
Edgar Hilsenrath, »Das Gesicht des Fremden trägt meine Züge. [-]«, in: Literatur
des Exils, Hg. Bernt Engelmann, München 1981, S. 75.
Zur Ausstellung ist ein Begleitbuch erschienen:
"Verliebt in die deutsche Sprache. Die Odyssee des Edgar Hilsenrath"
ISBN 3-937717-17-X, ca. 120 Seiten, gebunden, Köln 2005
Herausgegeben von Helmut Braun
in Verbindung mit der Akademie der Künste Berlin
Mit Texten von Edgar Hilsenrath
und wissenschaftlichen Beiträgen von
Jens Birkmeyer, Helmut Braun, Martin A. Hainz, Bettina Hey'l,
Hans Otto Horch, Christina Möller und Klaus Werner.
Mit Fotos und Faksimiles.